Mehr Frauen in die Politik!

Der Internationale Weltfrauentag am 8. März ist für Frauen auf der ganzen Welt ein wichtiges Datum. Vor rund 100 Jahren zogen die Frauen auf die Straße und forderten die Einführung des Frauenwahlrechts und Teilhabe an der politischen Macht. Auch wenn diese Ziele mittlerweile erreicht wurden. Gerade bei Parteien und in den Kommunalparlamenten sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Warum das so ist und warum ist es wichtig, dass sich das ändert – Darauf geben die Powerfrauen der GRÜNEN eine Antwort.

Die politische Kultur einer Männerdomäne – ein Hindernis für Frauen?!

Trotz einer Frau als Bundeskanzlerin gilt Politik nach wie vor als Männerdomäne. Ein Blick auf die Verteilung der Sitze im Städteregionstag Aachen bestätigt dieses Bild. Weniger als ein Drittel der Plätze (23 von 72) sind von Frauen besetzt.

Weiblichkeit und Machtstreben scheinen nicht zueinander zu passen. „Wird engagierten Frauen ein politisches Amt angeboten, zögern sie erst mal“, erklärt Marietheres Mimberg, Sprecherin der GRÜNEN Frauengruppe in Aachen. „Oftmals trauen sie sich diese Verantwortung nicht zu oder lassen lieber ihren männlichen, meist durchsetzungstärkeren Kollegen den Vortritt. Bei jüngeren Frauen mag das Zögern auf weniger Selbstbewusstsein zurückzuführen zu sein. Bei älteren Frauen, die fest im Berufsleben stehen, ist es weniger mangelndes Selbstbewusstsein, als vielmehr die Unlust sich in Machtkämpfe zu stürzen.“

Frauen müssen sich nicht nur gegen ihre männlichen Konkurrenten durchsetzen, sondern sie kämpfen auch mit gesellschaftlichen Stereotypen. Sie gelten als emotional, warmherzig, mitfühlend, sanft und vorsichtig. Im Gegensatz dazu werden ihren männlichen Kollegen  Eigenschaften wie stark, aggressiv, rational, selbstbewusst und durchsetzungsfähig zugeschrieben. Stereotyp weibliche Eigenschaften scheinen eher ungeeignet für die schweren Herausforderungen der Politik.

Hinzu kommt, dass Frauen allein von der Stimme her Nachteile haben. „Das Stimmvolumen der Männer begünstigt ihre Durchsetzungsstärke. Frauen tendieren zum piepsen, ihre hohen Stimmen kommen oftmals in der Politik nicht so gut an. Damit bedienen sie das Küken-Klischee, sie machen sich jünger, verletzlicher, suggerieren mangelnde Führungsstärke und wecken den Beschützerinstinkt“, so Elisabeth Paul, stellv. Städteregionsrätin.

Auch der Kommunikationsstil in der Politik ist männlich geprägt. Endlosdiskussionen auf Parteiversammlungen, Auseinandersetzungen, Streitereien, Konkurrenzkampf. „Die politische Streitkultur schreckt viele Frauen ab. Ihnen sind das ausgeprägte Konkurrenzdenken sowie die männliche Profilierungssucht fremd. Oftmals bevorzugen sie deshalb eher andere Beteiligungsformen in neuen sozialen Bewegungen, alles was der typisch weiblichen Rolle eher entspricht“, weiß Katrin Feldmann, Sprecherin des Ortsverbandes Aachen. „Um das Konkurrenzstreben bei Listenwahlen im Vorfeld von Kommunalwahlen zu umgehen, stimmen wir Frauen uns vorher ab, um möglichst Gegenkandidaturen zu vermeiden. Da wird dann auch ein Platz weiter Hinten in Kauf genommen, um Konflikten zu entgehen. Das ist bei den Männern anders, die eher bereit sind eine Kampfkandidatur, um einen Platz einzugehen und die schmerzlichen Folgen einer Niederlage in Kauf zu nehmen.“

Mehrfachbelastungen

Trotzdem sorgt die Quotenregelung nur bedingt für mehr Frauen in der Politik. Zwar werden dadurch parteiinterne Normen zugunsten von Frauen verändert, aber nicht die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Denn Frauen sehen sich häufig mit  Mehrfachbelastungen konfrontiert. Gesellschaftlich wird von ihnen erwartet, dass sie sich um Kinder, Küche und Karriere kümmern. Kommunalpolitisches Engagement erfordert viel Zeit und die Bereitschaft nach Feierabend noch politische Termine wahrzunehmen. Gerade dieser zusätzliche Zeitaufwand bereitet Frauen größere Probleme als Männern, da Familienpflichten und Kinderbetreuung zumeist eher von Müttern als von Vätern wahrgenommen werden und sie daher weniger präsent, flexibel und verfügbar sind. Nur durch Verzicht auf eine eigene Familie können folglich viele Politikerinnen das hohe Arbeitspensum bewältigen; für ihre männlichen Politik-Kollegen ist es dagegen normal, verheiratet zu sein und Kinder zu haben.

Vernetzung wichtig

Die GRÜNEN haben positive Erfahrungen mit der Frauenquote gemacht. Sie sind die Partei mit dem höchsten Frauenanteil in politischen Ämtern im Vergleich zu anderen Parteien. „Eigentlich sind die Bedingungen bei den GRÜNEN für die Bevorteilung der Frau bestens geschaffen. Warum gibt es dennoch eine Frauengruppe und keine Männergruppe?“, fragt sich deren Sprecherin.

Einerseits werden die Frauen durch die Quote auf machtvolle Positionen gebracht. Für einen Einstieg in die Kommunalpolitik ist auch die Einbindung in informelle Gruppen von zentraler Bedeutung. Bei den GRÜNEN ist diese Gruppe ziemlich breit aufgestellt: „Wir haben kämpferische Altfeministinnen aber auch junge Frauen, die sich gleichberechtigt fühlen und für die Feminismus fast ein Schimpfwort ist. Und trotzdem machen auch diese Frauen bei einer Frauengruppe mit. Denn eine solche Gruppe bietet ein vertrauensvolles Umfeld, indem man sich gegenseitig ermutigen kann, in die Kommunalpolitik zu gehen und damit in den Machtkampf zu treten, sich zu positionieren und angreifbar zu machen“, so Marietheres Mimberg.“Nicht zuletzt konnten bei der letzten Kommunalwahl mehrere Frauen für die Kandidatur auf einen quotierten Listenplatz gewonnen werden, die sich ohne die Unterstützung der Gruppe nicht getraut hätten.“

Hinzu kommen interessante Themen, die politisches Tagesgeschehen durch die Genderbrille beobachtet und die Gegebenheiten auf Geschlecht und deren Benachteiligungen hin überprüft. Dabei gerät zunehmend auch die männliche Rolle in die Diskussion. Derzeit beschäftigt sich die Frauengruppe mit dem Thema „Flüchtlinge“, bei dem diskutiert wird, wie man Frauen (und Männer!) helfen kann, mit den neuen kulturellen Unterschieden umzugehen.

Ein Plädoyer für mehr Frauen in der Politik

Soll Politik nicht eine männliche Domäne bleiben, dann stellt eine konsequente Politik der Geschlechtergleichheit mit die wichtigste Aufgabe dar. „Den Lebenslagen und Interessen von Frauen muss in der politischen Praxis, am besten durch Frauen selbst, Rechnung getragen werden“, so Elisabeth Paul. „Denn PolitikerInnen repräsentieren die Gesellschaft. Deshalb sollte sich auch eine geschlechtergerechte Verteilung in der Politik wiederspiegeln. Nicht zuletzt fungiert die Kommunalpolitik als Abbild davon, wie emanzipatorisch ist die Gesellschaft vorangeschritten ist.“

Frau sein in unserer Gesellschaft bedeutet selbstbestimmt Leben und Handeln. Dazu bedarf es eine tolerante und emanzipierte Gesellschaft. „Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Hierarchien zwischen den Geschlechtern beseitigt und gegen Antifeminismus und Sexismus vorgegangen werden. Neben neben tradierten Rollen- und Familienbildern müssen auch vielfältige Lebens- und Arbeitsmodelle ermöglicht werden. Um diese unterschiedlichen Lebensmodelle möglich zu machen, bedarf es struktureller Unterstützung durch die Politik“, so Katrin Feldmann. „Wichtig ist eine gleichberechtigte Teilhabe, der weibliche Blick auf politische Themen und die Sichtbarkeit von Frauen in der Politik als starke Vorbilder für junge Frauen.“

Neben diesen programmatischen gibt es auch kulturelle Gründe, die für mehr Frauen in der Politik sprechen. „Die politische Kultur braucht vielfältigere Schattierungen, jenseits von Konkurrenzkampf und Machtstreben. Die Vielfältigkeit der Verhaltensweisen sollten den anderen Menschen zur Verfügung gestellt werden. Das ist erst mal geschlechtsunabhängig. Im Moment ist das „typisch Weibliche“ unterrepräsentiert und muss deshalb stärker gefördert werden. Wenn sich Frauen für gesellschaftliche Belange einsetzen, warum dann nicht auch im politischen durch ein gesundes Machtbewusstsein?“ so Marietheres Mimberg.

Mit Frauen in der Politik verändert sich etwas. Nämlich die traditionellen Rollenbilder. Gleichberechtigung kann nur gelingen, wenn die Politik auch Männer in den Blick nimmt und einen Wandel des männlichen Rollenverständnisses intendiert. Die Verwirklichung der Geschlechterdemokratie bleibt somit eine Herausforderung auch für das 21. Jahrhundert.

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