Von Brüssel nach Aachen: Parteisprecher Alexander Tietz

Alexander Tietz ist Sprecher des Kreisverbandes Aachen. Der Jurist und Politikwissenschaftler bringt vielfältige Erfahrungen u.a. aus Brüssel mit. Welche das sind und was ihm für die Arbeit des Kreisvorstandes wichtig ist, erläutert er im Interview.

Wo wohnst du und was gefällt Dir dort besonders?

Kompliziert: In den letzten sechs Jahren habe ich in Brüssel gewohnt und ein bisschen auch im Zug zwischen Köln-Aachen-Brüssel. Mit dem Kreisvorsitz war dann klar, dass ich mehr vor Ort in Aachen und weniger in Brüssel sein möchte. Seit dem Europatag wohne ich nun am Ponttor, genieße das bunte Treiben und entdecke fast täglich neue schöne Ecken in der Stadt und Region.

Was machst Du beruflich?

Schon wieder kompliziert oder vielmehr komplex. Als ausgebildeter Jurist und Politikwissenschaftler arbeitete ich zunächst in der Heinrich Böll Stiftung, und habe bis zum Ende der Legislaturperiode 2014 im Europaparlament für den Vorsitzenden der Europäischen Grünen Partei, Reinhard Bütikofer gearbeitet. Nach dieser tollen, politisch sehr spannenden und lehrreichen Erfahrung, wurde es Zeit mich inhaltlich nochmal tiefer mit meinem Kernthema demografischer Wandel auseinanderzusetzen. Erst beratend für einen Verband zur Altersforschung und im Moment zurre ich mit der RWTH bzw. dem Universitätsklinikum die Details meiner Arbeit im Bereich der Forschungsförderung fest.

Seit wann bist Du bei den GRÜNEN und was interessiert Dich an Politik?

Endlich eine leichte Frage: Politik interessiert und fasziniert mich eigentlich schon immer, aber das erste Mal bewusst geworden ist mir das beim Fall der Mauer. Die friedliche Revolution, erreicht durch BürgerInnen, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, ermöglicht durch die (Ost)politik starker PolitikerInnen.

Da warst Du zehn Jahre alt?

Neun, ich war damals zwar noch ein Kind und habe die politischen Einzelheiten nicht verstanden, aber die Gefühle, die Freude der Menschen hat mir gezeigt, dass Politik wirklich Dinge zum Positiven verändern kann und das hat nachhaltig mein Interesse an Politik geweckt. Vor ca. 15 Jahren habe ich bei den Kölner GRÜNEN meine ersten parteipolitischen Erfahrungen gemacht, bin aber erst in Brüssel in die Partei eingetreten. Auch deswegen bin ich dem Ortsverband Brüssel ganz besonders verbunden.

Welche besonderen Eigenschaften oder Erfahrungen bringst Du für die Vorstandsarbeit in Aachen aus dem Ortsverband Brüssel mit?

Als Auslandsortverband (der einzige außer Washington) hat Brüssel natürlich einige Besonderheiten. Wir sind oft ein bisschen näher dran an der „großen“ Politik hinter grauen Fassaden. Ich freue mich besonders darauf, die Europäischen Themen da hin zu bringen wo sie hingehören, nämlich in die Kommunen. Wir sehen ja auch gerade bei TTIP und anderen Freihandelsabkommen wie wichtig frühzeitige Information ist, um überhaupt noch Einfluss zu haben auf Prozesse die uns zwar alle betreffen – aber ohne uns verhandelt werden.  Auf der einen Seite habe ich im Europaparlament einiges über Strategie und den Wert des Kompromisses gelernt,  auf der anderen Seite wurde ich bei der EGP fit für Wahlkampf, BürgerInnen für GRÜN zu interessieren und mobilisieren. Wir müssen die BürgerInnen davon überzeugen, dass wir die richtige Alternative sind. Vor dem Hintergrund der vergangenen, kräftezehrenden Wahlen und der aktuellen Notlösung mit einer große Koalition im Bund und vielen Räten, ist gerade unsere Sichtbarkeit eine enorme Herausforderung.

Das ist Brüssel, aber was ist konkret mit Deiner Arbeit im Ortsverband?

Während meiner Zeit im Vorstand haben wir den OV Brüssel auf über 100 Mitglieder gebracht, alles besser strukturiert, für Interessierte zugänglicher gemacht. Bereits im letzten KV Vorstand habe ich die Vernetzung zwischen Aachen und Brüssel weiter vorangetrieben. Eigenlob ist ja so ne Sache, aber neben einem großen Netzwerk bringe ich wohl einen ausgleichenden Charakter mit.

Was wünschst Du dir für die Vorstandsarbeit? Wie soll sich der Kreisverband Deiner Meinung nach entwickeln?

Die Vorstandsarbeit ist ein Ehrenamt und so begreife ich sie auch: Ehre und großes Vertrauen. Fürs Gelingen ist die Kooperation mit allen ganz entscheidend, ich denke wir haben ein sehr gutes buntes Team, für mich gibt es noch so einiges zu lernen in Aachen und da bin ich besonders froh über die erfahrenen MitgliederInnen. Ich hoffe, wir können dem Kreisverband, als sechtgrößtem Kreisverband im Bund, noch ein wenig mehr Gehör verschaffen. Ich möchte unsere Interessen in die Region, in NRW, im Bund und auch in Europa mehr einbringen. Das, was die GRÜNEN auch von anderen Parteien unterscheidet, ist unsere Basisdemokratie. Es gibt weitreichende Mitwirkungsmöglichkeiten unsere Mitglieder, sei es bei der Koordination und Wahl der Delegierten für BDK, LDK, Landesarbeitsgemeinschaften oder gemeinsamer Arbeitskreise. Hierbei können auch die erfahren Lokalpolitiker aus Aachen und der Euregio besonders wertvoll sein.
Nachhaltige Personalentwicklung: wir müssen uns mehr um unseren Nachwuchs kümmern ohne, dass die Erfahrung verloren geht und nicht gegen die Erfahrenen. Meine Idee zum PraktikantInnenprogramm in Zusammenarbeit mit der GRÜNEN Jugend, welches Einblicke in die Arbeit der Partei und der Parlamente (OV, KV, plus Rat, Land, Bund und/oder EU) unbürokratisch kombiniert und nur eine einzige Bewerbung erfordert, ist ein Anfang. Auf Landes- und Bundesebene gibt es auch Initiativen zu Mentoring und Shadowing, etc…über den Sommer werden wir als Kreisvorstand mit vielen Akteuren reden und einen Vorschlag machen, auch das geht nur mit allen Akteuren. Ich wünsche mir eine gute Zusammenarbeit und dass wir alle für unsere Ziele gemeinsam an einem Strang ziehen Partei und Parlamente.

Welche inhaltlichen Themen verfolgst Du?

1. Neben der gelebten Europäischen Integration, ist für mich wie bereits bei der KMV angesprochen, unser Umgang mit der Herausforderungen Flucht und Zuwanderung, besonders drängend und es ermutigt mich, dass wir dazu unsere erste Arbeitsgruppe einsetzen.

2. Innovation und demografischer Wandel. Wir leben immer länger  – und das ist gut so! Hier ist ein wichtiger Aspekt die Generationengerechtigkeit und Lebensqualität. Wir müssen sicherstellen, dass selbstbestimmtes Leben im Alter nicht nur bei bestmöglicher Gesundheit, sondern darüber hinaus auch aktive Teilhabe an der Gesellschaft möglich bleibt.

Und gibt schließlich:  gibt es neben Beruf und Politik ein Privatleben?

(Lacht) Das Private ist ja bekanntermaßen irgendwie auch immer politisch. …und viele meiner Freunde sind tatsächlich Parteifreunde – und doch das geht! Mein langjähriger Partner und die größer werdende Familie haben wenig mit Partei und Öffentlichkeit zu tun – was dann die wenigen ganz privaten Momente noch besonderer macht.

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