Lebenswerte Stadt der Zukunft – aber wie?

Wenn man eine Umfrage startet „wie wünsche ich mir die Zukunft meiner Stadt“ wird schnell klar, dass den Innenstadtbereichen eine zentrale Bedeutung zukommt: sie sollen eine hohe Aufenthaltsqualität haben und zum Flanieren einladen, ein vielfältiges Einzelhandelsangebot wird gewünscht, ein gastronomisches Angebot von der Gaststätte bis zur Eisdiele lockt nach Feierabend und am Wochenende. Das alles soll fußläufig, mit dem Bus oder mit beliebigen Verkehrsmitteln bequem erreichbar sein. So weit so gut. Aber die drei Stadtzentren in Kohlscheid (Markt/Südstraße), Herzogenrath-Mitte (Ferdinand-Schmetz-Platz, Kleikstraße, Apolloniastraße) und Merkstein (August-Schmidt-Platz) entwickeln sich seit Jahren nicht so wie gewünscht. Was läuft da schief und – viel wichtiger – was muss sich zukünftig ändern?

Fehler der Vergangenheit

In der Vergangenheit hat die Vermeidung von Leerständen stets hohe Priorität gehabt. Leerstehende Ladenlokale und brachliegende Gewerbegebiete sind eine schlechte Visitenkarte für eine Stadt. Dies ist ein schwieriges Unterfangen; manchmal dauert es Jahre, bis die Neuansiedlung eines Ladengeschäfts oder einer Firma gelingt. Wenn sich dann eine solche Gelegenheit bietet wird oft schnell zugegriffen – und dabei tritt schon mal der Blick auf das große Ganze in den Hintergrund.

Beispiel Kohlscheid: vor Jahren musste eine Folgenutzung für ein leerstehendes Autohaus gefunden werden; schließlich wurde der Ansiedlung eines Modegeschäfts zugestimmt und alle waren froh, dass ein längerer Leerstand an der Roermonder Straße vermieden werden konnte. Einige Zeit später standen weitere Textilgeschäfte in unmittelbarer Nähe zur Diskussion; dem wurde auch zugestimmt, schließlich gab es ja schon ein Modegeschäft an dem Standort. Einem Schuhgeschäft wurde dann auch nicht widersprochen – das passt ja gut zu dem Textilangebot… So entstand mit der Zeit ein Nebenzentrum in Kohlscheid, was zu einer Abwanderung von Kaufkraft aus dem alten Zentrum geführt hat – und das hatte eigentlich keiner gewollt.

 

Das ist ein Beispiel für eine Fehlentwicklung, wie sie in vielen Städten stattgefunden hat. Um dem entgegenzusteuern wurden in vielen Kommunen sogenannte Sortimentslisten festgelegt, die zwischen ‚zentrenrelevanten‘ und ‚nahversorgungsrelevanten‘ Sortimenten unterscheiden. Für Herzogenrath wurde im Jahre 2007 durch die BBE Unternehmensberatung ein entsprechendes Konzept erstellt, das über die Homepage der Stadt gegen eine Schutzgebühr angefordert werden kann.

Sortimente „zentrenrelevant“ / „nahversorgungsrelevant“

Als ‚zentrenrelevant‘ werden die Warengruppen bezeichnet, die den drei gewachsenen Zentren in unserer Stadt vorbehalten sind. Um einige Beispiele zu nennen: Bekleidung Lederwaren Schuhe, Bücher Zeitschriften Schreibwaren, Elektrohaushaltswaren Unterhaltungselektronik, Schmuck Uhren, Spielwaren Sportartikel, Kunst Antiquitäten.

Als ‚nahversorgungsrelevant‘ werden Sortimente bezeichnet, die in erster Linie auf den täglichen Bedarf ausgerichtet sind – typische Beispiele: Lebensmittel Getränke, Drogerie Kosmetik Haushaltsbedarf, Apotheken. Nahversorgungsrelevante Sortimente sind auch ein wesentlicher Bestandteil des Warenangebots in den Stadtzentren, sie dürfen – und sollen – aber auch außerhalb der Zentren angeboten werden. Wichtig ist: es darf dabei nicht zu einem Abfluss von Kaufkraft aus den Stadtzentren kommen – es muss also auf genügend Abstand zwischen den Nahversorgern geachtet werden.

Eine Zukunft für die Innenstädte

Hier müssen viele Akteure an einem Strang ziehen. Bündnis 90 / Die Grünen fordern von politischer Seite, dass die Liste der zentrenrelevanten und nahversorgungsrelevanten Sortimente konsequent angewendet und zur Entscheidungsgrundlage für gewerbliche Nutzungen gemacht wird. Die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht wiederholt werden! Lieber in Einzelfällen länger mit einem Leerstand leben, als die Zukunft unserer alten Stadtzentren riskieren! Ferner treten wir für Innenstädte mit hoher Aufenthaltsqualität ein – es muss Spaß machen, in die City zu gehen, zu flanieren und in den Angeboten der Geschäfte zu stöbern. Die verkehrsberuhige Gestaltung der Kleikstraße in Herzogenrath-Mitte geht da in die richtige Richtung.

Die Innenstädte müssen zu Fuß und mit öffentlichen bzw. privaten Verkehrsmitteln bequem erreichbar sein. Durchgangsverkehr muss soweit reduziert werden, dass Staus in den Einkaufsstraßen die absolute Ausnahme sind – wer möchte schon neben einer Schlange von qualmenden und lärmenden Autos seine Einkäufe erledigen?

…und dann sind die Immobilienbesitzer und der Einzelhandel gefragt: Ladenlokale müssen attraktiv und einladend gestaltet werden, was ohne Investitionen in vielen Fällen nicht zu machen ist. Der Einzelhandel sollte ein qualitativ hochwertiges, breites Warenangebot offerieren und auch Nischen besetzen, die Interesse wecken und neugierig machen.

…und zu guter Letzt liegt es an uns allen: selbst wenn alles richtig gemacht wird, Umfeld und Angebot stimmen, haben die Innenstädte nur dann eine Zukunft, wenn wir ‚Konsumenten‘ dieses Angebot auch annehmen. Ein Einkaufserlebnis mit kompetenter Beratung, kulantem Verhalten bei Reklamationen und einfach dem ‚netten Gespräch‘ an der Ladentheke kann die schnelle Bestellung im Internet niemals bieten.
Dr. Bernd Fasel, Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen Herzogenrath

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