Atomreaktor Jülich: Bericht bestätigt die Gefahr

Was seit langem vermutet wurde, ist jetzt Gewissheit. Eine Expertenkommission hat zahlreiche Fehler beim Betrieb des im April 2014 stilllgelegten Atomreaktors im Forschungszentrum in Jülich (NRW) festgestellt. Überhöhte Temperaturen, manipulierte Sicherheitsschalter und verharmlosende Meldungen sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Unser Energiepolitiker in Berlin, Oliver Krischer schreibt dazu:OliverKrischer

Zwischen 1967 und 1988 hat die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) den Forschungsreaktor im nordrhein-westfälischen Jülich betrieben. Eine Expertenkommission bestätigt nun in ihrem Opens external link in new windowBericht, dass im Jahr 1978 bei einem Zwischenfall über 27 000 Liter Wasser in den inneren Teil des Reaktors eingedrungen waren. Erst sechs Tage nach Störfallbeginn hatte das Personal den Reaktor heruntergefahren. Zudem hatten Techniker einen Sicherheitsschalter für eine Schnellabschaltung so umgestellt, dass dieser unwirksam wurde. Dabei ist die Einstufung dieses Vorfalls in die niedrigste Meldekategorie N („geringe sicherheitstechnische Bedeutung“) nicht sachgerecht, wie die Experten nun schreiben. Der Vorfall hätte zumindest in die Kategorie B eingestuft werden müssen, wenn nicht die höchste Kategorie A – als „sicherheitstechnisch unmittelbar signifikanter Störfall“. Daneben wurde der Reaktorkern laut Bericht zeitweise mit überhöhten Temperaturen betrieben, ohne dass dies erkannt worden sei. Vor diesem Hintergrund rügten die Wissenschaftler die geringe Zahl der Temperaturmessungen als „nicht nachvollziehbar“. Zwischen 1970 und 1986 war die Temperatur nur dreimal detailliert gemessen worden.

Damit bestätigt der Bericht die schlimmsten Befürchtungen: Der Betrieb des Versuchsreaktors AVR in Jülich stellte über Jahre hinweg eine gewaltige Gefahr dar. Sogar ein Super-Gau mit Tschernobyl-Folgen war etwa bei dem sog. „Wassereinbruchstörfall“ im Jahr 1978 nicht ausgeschlossen. Der Betrieb des Reaktors erfolgte als Blindflug, außerhalb der genehmigten sicherheitstechnischen Grenzen. Vor allem aber geschah dies mit dem Wissen und der ausdrücklichen Billigung der Verantwortlichen des Forschungszentrums Jülich und der damaligen Atomaufsicht. Auch beim AVR waren also Lug und Trug nötig, um die Anlage zu betreiben. Es ist unglaublich, dass so etwas in Deutschland möglich war. Damit straft der Bericht all diejenigen Lügen, die zum Teil bis heute den AVR als Erfolgsmodell eines „inhärent sicheren Reaktor“ lobpreisen und die Technik in andere Länder exportieren wollten und immer noch wollen. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es war, dass die Grünen die Aufarbeitung der Geschichte des AVR im rot-grünen Koalitionsvertrag von NRW 2010 verankert und trotz der großen Widerstände des Forschungszentrums und des Bundes durchgesetzt haben.

Es ist aber auch eine Genugtuung für Dr. Rainer Moormann, der als ehemaliger Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich seit Jahren mit Beharrlichkeit auf die Probleme des AVR hinweist. Ohne sein Engagement wären die schlimmen Vorgänge um den AVR nie ans Licht gekommen, es gäbe gar keine Kommission und auch keinen Bericht.

Der Bericht kann nur als Konsequenzen haben, dass die nach wie vor laufende Atomforschung in der Kooperation von FZ Jülich und RWTH Aachen endgültig und vollständig beendet werden muss. Es kann nicht sein, dass weiterhin öffentliche Mittel für die Forschung für Kugelhaufenreaktoren verwendet werden. Forschung darf es in Jülich nur noch geben für Rückbau des AVR und des Nachfolgemodells THTR Hamm-Uentrop und die Endlagerung des hier entstandenen Atommülls. Zudem muss der Rückbau des AVR und die Lagerung des Atommülls nach dem Vorbild des Forschungszentrums Geesthacht durch zivilgesellschaftliche Begleitgruppen transparent und nachvollziehbar gemacht werden. Eine wirkliche Beteiligung der Öffentlichkeit und der Zivilgesellschaft findet in Jülich bei dem Thema immer noch nicht wirklich statt. Und Drittens muss das Forschungszentrum Jülich seinem ehemaligen Mitarbeiter Dr. Rainer Moormann, der die Probleme und Machenschaften rund um den AVR öffentlich und bekannt gemacht hat, für dessen Verdienste eine angemessene Anerkennung erweisen.

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